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Den Traum von einem eigenen Pferd hat wohl jeder, der
mit diesen Geschöpfen aufwächst.
Aber
jemals ein Rennpferd zu besitzen, das ist ein sehr großer Traum, der mir
eigentlich immer unerreichbar schien. Bis 1999...
In
diesem Jahr war alles anders, und der richtige Zeitpunkt, Träume in Erfüllung
gehen zu lassen! Ich saß mit meiner Schwester beim Frühstück, und sie
erzählte mir die neuesten Neuigkeiten aus dem Rennstall: Ein uns wohlbekanntes
Pferd stehe zum Verkauf. Aufgefallen war mir dieses Pferd bisher nicht
besonders, er war brav und schon älter, das wußte ich. Auch, daß er ein
gutes Sandbahnpferd gewesen war – in dieser Saison allerdings seine Form
nicht finden konnte. Der Besitzer war in finanziellen Schwierigkeiten,
wie meine Schwester berichtete, und das Pferd nun am Ende der Sandbahnsaison
preiswert zu haben. Ich hatte wirklich nicht geplant, ein Pferd zu kaufen,
denn ich hatte bereits einen Ex-Galopper als Freizeitpferd. Trotzdem faszinierte
mich die Idee, ein Pferd neu zu motivieren und es wieder in Rennform zu
bringen.
Am
nächsten Tag fuhren wir also nach Dortmund, um uns den vierbeinigen Sportsfreund
noch mal genauer anzusehen. Unterwegs planten wir vorsorglich schon die
zukünftigen Siegesfeiern und kamen in Gedanken bereits lorbeerbekränzt
im Rennstall an.
Parisian
Whirl, ein 10jähriger brauner Wallach, schien nur auf mich gewartet zu
haben. Ich war sehr aufgeregt, als ich die Boxentür öffnete, aber als
ich seinen lustigen und zugleich fragenden Blick bemerkte, wußte ich gleich,
daß er für jeden Spaß zu haben war. Einmal bei ihm in der Box, bemühte
er sich ständig um Körperkontakt, seine langen Ohren spielten vorwärts
und wieder zur Seite, ein richtiger kleiner Kasper, das ahnte ich damals
schon.
Im
Trabzirkel legte er einigen Tatendrang an den Tag, ungewohnt für mich,
denn mein anderer Vollblüter ist schon etwas älter und oft recht faul.
Dennoch hatte ich das Gefühl, daß auch Parisian Whirl ein passables Freizeitpferd
werden könnte. Unser Trainer war zwar wie wir der Meinung, daß ein Start
mit ihm in der kommenden Sandsaison möglich wäre, aber mit Sicherheit
konnte man natürlich nicht wissen, ob er noch als Rennpferd einsetzbar
sein würde.
Als
"Maifeiertagsgeschenk“ kam er bei mir im Reitstall an, und die Arbeit
begann.
Behutsam
versuchte ich ihm beizubringen, daß man auf einem Außenreitplatz zwar
durchaus galoppieren kann, es aber mit der Geschwindigkeit nicht unbedingt
übertreiben muß. Versammelter Galopp – ein Fremdwort. Morgen für Morgen
verbrachte ich damit, ihn ein wenig zu zivilisieren, ohne daß er bockig
wurde. Wir wurden uns aber schnell einig, und die ungewohnten Aufgaben
gefielen ihm gut.
Sämtliche
Dressurfiguren erkannte er schnell wieder und versuchte, durch eigenmächtiges
Vollenden dieser Gymnastikübungen seinen Eifer kundzutun.
Dafür
durfte er dann auf der Koppel und im Paddock herumtollen wie ein Rodeopferd,
was er sichtlich genoß. Nach einiger Zeit wagten wir uns auch ins Gelände,
der erste Ausritt – nur im Schritt – war eine nervenaufreibende Angelegenheit
für den sonst so erfahrenen und durch nichts zu erschütternden Galopper.
Schweißüberströmt ging er neben seinem älteren Kollegen her, bemüht, so
unsichtbar wie möglich zu sein. Er wurde jedoch mit jedem Ausritt lockerer,
und nebenbei formte sich so langsam seine Figur, die Muskulatur ließ nun
nichts mehr zu wünschen übrig. Da sich der mentale Zustand des "Rennurlaubers“
auch zusehends verbesserte, wurde es mittlerweile schwierig, ihn ausreichend
zu beschäftigen. Als dann der Herbst kam und ich mit meinen Trainingsvorbereitungen
fertig war, hieß es Abschied nehmen. Schließlich sollte er jetzt wieder
in den Rennstall, sollte uns zeigen, ob er noch Spaß an seinem alten "Job“
hätte.
Im
Training machte sich Parisian Whirl prima. Viele hatten ihn gar nicht
wieder erkannt, so gut hatte ihm die Pause getan. Er entwickelte großen
Ehrgeiz, manchmal war er so übermütig und voller Tatendrang, daß man ihn
kaum bremsen konnte. Leider begann er schon damals, seine "Rennen“ morgens
zu laufen, was ihn später oft daran hinderte, am tatsächlichen Renntag
sein volles Leistungsvermögen zeigen zu können.
Bald
war es dann soweit, der erste Start, das erste Rennen für "mein“ Rennpferd
Parisian Whirl! Meine Schwester, die ihn häufig im Training ritt, sollte
ihn auch im Rennen steuern.
Schon
oft hatte ich Pferde für Rennen zurechtgemacht. Sie herausgeputzt und
im Führring präsentiert. Aber jetzt war es etwas Anderes. Es war
mein Pferd, das ich mit Hingabe und angenehmer Aufregung striegelte. Das
Läuten, welches anzeigt, daß nun die Jockeys aufsitzen, machte mich richtig
nervös. Jetzt war es gleich soweit, nur noch wenige Minuten bis zum Start.
Der Weg zum Geläuf kam mir noch nie so kurz und lang zugleich vor. Viele
Zuschauer wünschten uns "Hals und Bein“, der traditionelle Glücksspruch
im Rennsport.
Dann
kam der Moment, wo der Führzügel durch den Kinnriemen gleitet und man
das Pferd losläßt, damit es abspringen kann zum Aufgalopp - wohl
für jeden Pferdeführer ein ganz spezieller Augenblick. Alle guten Wünsche,
alle Hoffnung, aber auch alles Tragische, was bei jedem Start passieren
kann, schwingt in diesem Moment mit. Und diesmal war es wahrlich etwas
ganz Besonderes für mich. Ich sah den Beiden hinterher, wie sie zu den
Startboxen galoppierten und fühlte mich allein auf der gut besuchten Rennbahn...
Bald
waren alle Pferde eingerückt und dann ging das Feld auf die Reise. Der
Rennverlauf war unspektakulär, aber darum ging es auch gar nicht. Mein
Pferd lief mit, und zwar gar nicht so schlecht, dafür daß er so lange
kein Rennen gelaufen war.
Viele
Rennen folgten, das nächste bescherte uns sogar einen sensationellen zweiten
Platz! Es summierten sich noch einige schöne Platzierungen, und ich werde
niemals vergessen wie ich ihn und meine Schwester jedes Mal angefeuert
habe auf der Zielgeraden, auch wenn es leider nie zu einem Sieg in unseren
Farben gereicht hat.pp p
Jetzt
ist er 13 Jahre alt, darf sich nun auch Rennrentner nennen. Er genießt
seinen Lebensabend zusammen mit meinem anderen ehemaligen Galopper. Und
wenn ich abends das Licht ausmache, die zwei dann unter sich sind, haben
sie sich bestimmt eine Menge zu erzählen...
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